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von Gewalt und Panik, wie sie weltweit geschieht. Es sind Szenen zunehmender Hilflosigkeit, die Kirch,ner, allegorisch und zugleich der unmittelbaren Wirklichkeit entnommen, nachgestaltet.Diese Unmittelbarkeit der k%u00fcnstlerischen Umsetzung ist eines der Kennzeichen seiner Kompositionen.Kirchners dargestellte Wirklichkeit ist eine Interpretation ihrer Problematik ohne L%u00f6sungsvorgabe. Diebekannten alten Tugenden greifen nur noch bedingt und werden von versp%u00e4tet aufflammenden regionalenKonflikten %u00fcberschattet. Unverschmerzte historische Empfindlichkeiten verm%u00f6gen noch immer den unionalen europ%u00e4ischen Gedanken st%u00f6rend zu hinterfragen. Kirchners Kunst kommt ohne eine diesbez%u00fcgliche Positionierung aus. Sein Banat ist inzwischen nicht viel mehr als eine Kindheitserinnerung mit zunehmend verwischter Kontur, und Pforzheim nicht viel mehr als ein halber Zufall. Keiner der beiden Bezugspunkte ist austauschbar, aber auch nicht Herzst%u00fcck. Es gibt keine Umkehr, und eine solche ist auch nichtgewollt.Gegenw%u00e4rtig und fl%u00fcchtigUnd immer wieder Blumen! Ich kann mich dieser Faszination aus Farbe, Verg%u00e4nglichkeit und Wiederkehr aus der Dunkelheit und N%u00e4sse der Erdeins Licht nicht entziehen.W. A. KirchnerImmer wieder Landschaften! Sie begleiten Kirchners k%u00fcnstlerisches Gesamtwerk und bestimmen es mit.Sie sind mehr als dekorative Nebenerscheinungen und mehr als die gro%u00dfen Themen erg%u00e4nzende Studien.Sie wiederholen nicht ostentativ die drohenden Folgen des Klimawandels und verweigern sich jeder verniedlichenden Beil%u00e4ufigkeit. Kirchners Landschaften kommen ohne Ruinen aus, ohne Gartenkunst,und auch ohne Menschen und Tiere. Es sind die elementaren Komponenten wie Wind und Wasser undFeuer, die er bewegt in Wolkenbildern und Wasserst%u00fcrzen, in Spiegelungen, Ballungen und Fernen.%u201eWenn Winde deine Fluren fegen%u201c hei%u00dft eines seiner aufw%u00fchlenden Landschaftsbilder, in das ein Unwetter%u00fcberfallartig einbricht, als h%u00e4tte es die Erde auseinander zu brechen sich vorgenommen im %u00dcbermut %u2013 gerade mal so nebenbei. Kirchner zeigt in diesem Bild nicht die vom Sturm angerichteten Sch%u00e4den. Er verurteilt nicht, was gesetzm%u00e4%u00dfig geschieht und sich dem menschlichen Zugriff entzieht, der auf denkleinen eigenen Nutzen bedacht ist. Den K%u00fcnstler bewegt der Vorgang an sich, die Entfesselung der Naturgewalten, die er nachgestaltet um sie zu entr%u00e4tseln oder zumindest kausal sich zuordnen zu k%u00f6nnen.Er baut sie szenisch nach, sch%u00e4lt den Kern heraus %u2013 bewundernd und ohne Zorn.Kirchners Landschaften suchen nicht die Idylle, aber sie weichen einer solchen nicht aus. Er %u00fcbernimmtsie ohne Staffage und bindet sie nicht in ein Programm ein. Sie sind eher sein Schweigen im gro%u00dfen %u00f6ffentlichen Lamento. Er scheut sich nicht, den goldenen Oktober zu malen und das Bild schlichtweg%u201eHerbstmelancholie%u201c zu betiteln. Ein Bild, das in verschwenderisch aufgetragenen Farben aufgl%u00fcht %u2013 ganzso, wie der Herbst auch sonst gemalt wird. Kirchner sucht f%u00fcr seine Landschaften nicht nach neuen Darstellungsmustern. Er verzerrt nicht, um das Sch%u00f6ne zu ergr%u00fcnden.