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zelteile wohl proportioniert einander zugeordnet. Aus dem Basisblock f%u00e4chert %u2013 die donauschw%u00e4bischenSchicksalswege anmahnend %u2013 die Stele auf, indessen das Sockelrelief die ihre Kinder besch%u00fctzende Mutterherausstellt. Ihr zu F%u00fc%u00dfen erinnert eine liegende Gestalt an das namenlose Sterben auf der Stra%u00dfe. Kirchnersan den Rand gesetzte symbolische Kerze mahnt unsere verpflichtende Erinnerung an. Er sieht sich selbstnicht als Au%u00dfenstehender. Das Salzburger Denkmal ist f%u00fcr ihn mehr als eine gewissenhaft ausgef%u00fchrteAuftragsarbeit. Kindheitserinnerungen sind damit verbunden, und er sieht sich selbst namenlos inmittenseiner namenlosen Landsleute auf der Heimatsuche. Er erw%u00e4hnt %u201epr%u00e4gnante Bilder%u201c, die er in seinem Inneren bewahrt und auch behalten will. Sie geh%u00f6ren zum Unverlierbaren im Fluchtgep%u00e4ck, zur Erinnerungund zur Mahnung auch.Kirchners Salzburger Vertreibungsdenkmal ist gegen das Vergessen angelegt %u2013 den Kriegerdenkm%u00e4lerngleich, die in nahezu allen Banater Ortschaften nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellt worden sind. Zeugendes tragischen Endes unserer schw%u00e4bischen Schicksalsgemeinschaft im Banat %u2013 erg%u00e4nzend zu den Giebelh%u00e4usern, den barocken Kircht%u00fcrmen und den fruchtbaren %u00c4ckern, in die eingebettet die D%u00f6rfer liegen.Denn unser eigentliches Denkmal ist das ganze Land Banat. Wir haben daran unseren historischen Anteil.Walter Andreas Kirchner hat diesen %u2013 wie vielleicht kein Zweiter %u2013 gezeichnet, gemalt, ins Holz geschnittenund in den Stein gemei%u00dfelt: Flei%u00df und Klugheit, Anmut und W%u00fcrde. Sein Monument auf dem SalzburgerKommunalfriedhof will indessen kein Lehrst%u00fcck f%u00fcr die Nachwelt sein %u2013 eher ein Dokument der Vergeblichkeit. Mutter und Kind, wie Kirchner es darstellt, haben den Blick von der Heimat abgewandt und einerneuen Hoffnung zugekehrt.Wer das bildnerische Werk Kirchners kennt wei%u00df, wie wichtig ihm die Symbolkraft seiner Kunst ist. Einehumanistische Tiefgr%u00fcndigkeit durchzieht sein gesamtes plastisches Werk, ist Bekenntnis und Verantwortlichkeit zugleich, Fazit und Vision. Und bleibt offen gegen%u00fcber einer sich %u00fcppig und frei pr%u00e4sentierendentoskanischen Kunstf%u00fclle. Es entstehen makellose, an r%u00f6mische Vorbilder erinnernde Arbeiten. Hat dasSch%u00f6ne nicht dort seinen Ursprung? Es bleiben Tr%u00e4ume, es bleiben Fragen und nicht alles will sich erkl%u00e4rtwissen. Kirchners %u201eFl%u00f6tenspieler%u201c, aufrecht und nackt, bedarf keiner Erl%u00e4uterung des Fig%u00fcrlichen und seiner Sinnerf%u00fcllung. Es bleibt die Idylle benachbart mit der Verzweiflung, und so trifft der knabenhafte%u201eFl%u00f6tenspieler%u201c in Kirchners Werk unweigerlich auf den gepr%u00fcften %u201eHiob%u201c, auf das Leid der Welt, dasebenso unabwendbar wie nicht zu ergr%u00fcnden ist.Kirchners %u201eHiob%u201c %u2013 leidend im Zweifel an der g%u00f6ttlichen Gerechtigkeit, die diesen scheinbar aus der Gnade ausschlie%u00dft %u2013 entsteht vor dem Hintergrund der eigenen Verzweiflung des K%u00fcnstlers in den Nachkriegsjahren. Wie kann Gott das zulassen? %u2013 Es ist diese immer wiederkehrende Frage Hiobs, die in Not,lagen gestellt wird. Gott aber schweigt und %u00fcberl%u00e4sst es dem Gepr%u00fcften selbst, zu entschl%u00fcsseln was war -um geschieht. Kirchners Kunst kehrt immer wieder zu den Grundfragen der Existenz zur%u00fcck, zur humanen Befindlichkeit zwischen Himmel und Erde. Die letzte Wahrheit mag uns verborgen bleiben, und sowird auch sein gest%u00fcrzter %u201ePrometheus%u201c %u2013 2010 entstanden %u2013 den Aufstand wieder und wieder proben. Esscheint die Einsicht ins Unab%u00e4nderliche Kirchners Sache nicht zu sein.