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W%u00fcrde ich die Farbe Gr%u00fcn durch ein kr%u00e4ftiges Blau ersetzen, so erg%u00e4be das, zusammen genommen, die rum%u00e4nischen Nationalfarben. So nahe beieinander scheinen die Dinge zu liegen und sind doch so weit voneinander weg. Mich verbindet weder ein vordergr%u00fcndiger noch ein verdeckter Patriotismus mit meiner al,ten Heimat im Banat. Ich bin in Rum%u00e4nien aufgewachsen und k%u00fcnstlerisch ausgebildet worden, aber ichk%u00f6nnte nichts typisch Rum%u00e4nisches gestalten %u2013 wobei mich manches durchaus fasziniert. Das Elementare,nahezu Brachiale der Volkst%u00e4nze im Oascher Land %u2013 das kann mich als Zuschauer begeistern, nur gestaltenk%u00f6nnte ich es nicht. Ich k%u00f6nnte es auch nicht tanzen.%u201cEs sind Gedanken zu einem Familienbild, 1997 aufgezeichnet von Kirchner und von mir aus dem Ged%u00e4chtnis erg%u00e4nzt, und so n%u00e4hert, beides zusammen, eine vergangene Realit%u00e4t an, die zeigt, wo wir unswarum befinden. Es mag ja durchaus sein, dass jeder f%u00fcr sich die Welt ein wenig anders sieht und sie auchanders haben m%u00f6chte. Vergeblich. Denn die Welt ist nicht individuell angelegt, und so ist es hinzunehmen,wenn es nur gerade mal so oben r%u00fcber gelingt, sie uns anzupassen. Ohnehin ist es heute weniger unsereSache, sie zu ver%u00e4ndern, als sie zu erhalten. Anders gesagt: wir sind es, die sich ver%u00e4ndern m%u00fcssen, und sowird es zunehmend auch ein Anliegen der Kunst sein, unsere neue Unvollkommenheit (oder Fragw%u00fcrdigkeit) darzustellen. War sie bisher nie verlegen, wenn es darum ging, einen Feind zu benennen und gegenihn vorzugehen, so gelingt uns das heute nur marginal, weil wir den Verweigerer (oder %u00dcbelt%u00e4ter) in unsselbst erkennen. Wir nennen es gern Existenz, wenn es um den Konsum geht, und bringen von unserenKreuzfahrten wunderliche Fotos aus einer fernen Dritten Welt mit nach Hause. Wir loben den Frieden,aber f%u00fchlen uns nicht geborgen. Es ist, wie es ist, sagen wir und wissen, dass es zu wenig sein wird.Kirchner klagt in seinen gesellschaftskritischen Bildern nicht vordergr%u00fcndig an. Es ist nicht der Wohlstand, den er beanstandet %u2013 ja nicht einmal dessen fragw%u00fcrdiger Erwerb. Ihn besch%u00e4ftigt der gesellschaftliche Umgang mit dem Besitz, die Lethargie der S%u00e4ttigung und die Umkehrung der Werte. Er bietet keine Antworten an, wo keine zu erwarten sind. Neben der sph%u00e4risch wirkenden und von jeder Erdenschwerebefreienden Ballettszene %u201eRhapsodie in Blau%u201c, stellt er (%u201eOrpheus' Tod%u201c) gro%u00dfformatig und aktualisiertdas Scheitern an sich selbst dar; neben der verbrauchten Sexualit%u00e4t (%u201eAm Morgen%u201c) die ableitende %u201eZ%u00e4rtlichkeit%u201c in Rosa und mahnt, zum Titel %u201eVerg%u00e4nglich%u201c, das Zeitma%u00df alles Irdischen an. Er malt die %u201eBegegnung%u201c, die keine mehr sein kann, und sein %u201eAbendmahl%u201c ruft uns die sch%u00f6ne S%u00fcnderin Maria Magdalenains Ged%u00e4chtnis. In der Runde der J%u00fcnger ist kein Platz frei f%u00fcr den Menschen, der Jesus vielleicht amn%u00e4chsten war, und dieser selbst %u2013 verkl%u00e4rt und %u00fcberstrahlt von der g%u00f6ttlichen Gnade %u2013 ist schon nichtmehr von dieser Welt. Die Botschaft ist wichtiger als das Leid, der Schmerz jedoch bleibt und kein neuesWunder wird die B%u00fc%u00dferin tr%u00f6sten. Das %u201eAbendmahl%u201c findet keine Fortsetzung in Kirchners bildnerischemWerk und wirkt doch nach. Er wei%u00df, dass Bilder an sich die Welt nicht besser machen. Es ist ja nicht dieletzte Weisheit, was die Kunst hinausschreit in eine von Erb%u00e4rmlichkeiten bestimmte Welt, in der alles seinen Preis hat. Seinen fallenden Preis %u2013 nicht aber auch seinen fallenden Wert. Denn woran wir zu messensein werden, ist die Unversehrtheit unserer vielfach bedrohten Erde, die wir am Amazonas abbrennenund im Rheinischen Braunkohlerevier wegbaggern.Welch eine Anma%u00dfung, %u00fcber die Rentabilit%u00e4t der Sch%u00f6pfung entscheiden zu wollen, die Gesetzm%u00e4%u00dfigkeitdes Planeten auszuhebeln an den Polen und auszuh%u00f6hlen bis in den innersten Kern. Kirchner sp%u00fcrt dasgesellschaftliche Nachbeben der globalen Verwerfung und ist nicht versucht, es zu %u00fcberpinseln. Die Notder Zeit dr%u00e4ngt ihn Kassandra in die Arme. Er malt den %u201eAufschrei%u201c, den %u201eRufer in der W%u00fcste%u201c und den%u201eZufl%u00fcsterer%u201c %u2013 Bilder, die in ihrer Dringlichkeit einander %u00fcberlagern und nichts anderes mehr zu %u00fcbermittelnin der Lage sind, als eine l%u00e4hmende Ratlosigkeit.Masken stellen sich dem Schrecken entgegen, und es ist