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Er %u00fcberfrachtet nicht, was er vorfindet und meint nicht erkl%u00e4ren zu m%u00fcssen, was mit Herz und Sinn zu erfahren uns ins Leben mitgegeben worden ist. Er stellt die Natur als gegeben dar und klammert den Menschen dabei weitgehend aus. Wo dieser sp%u00fcrbar wird, beginnen die Bedenklichkeiten. In seinem Bild %u201eUn,durchdringlich%u201c stellt er dem Betrachter eine undurchl%u00e4ssig wirkende, abweisende Waldwand entgegen, undin seinem %u201eOlivenhain%u201c verk%u00fcmmern die Baumstr%u00fcnke an sich selbst %u2013 und mit ihnen die alten N%u00fctzlichkeitserwartungen einer unzeitgem%u00e4%u00df gewordenen Gen%u00fcgsamkeit. Kirchner tritt nicht frontal an gegen dieerwerbst%u00fcchtigen Bauern und nicht gegen die gewinnorientierte Zersiedlung von Gr%u00fcnfl%u00e4chen. Es wird,wei%u00df er, nicht die gerahmte Landschaft %u00fcber dem Sofa sein, was ein Umdenken bewirkt. Er malt ein neuesBild dazu und dann eine weitere Landschaft, ohne es weder dem Kunstfreund noch der Kunstkritik gegen%u00fcber zu begr%u00fcnden. Denn nie war das Landschaftsmotiv dringlicher als heute, wo es nicht vorrangigdekorativ verwendet wird, sondern als ein grunds%u00e4tzliches und nicht abweisbares gesellschaftspolitischesAnliegen gilt.Die gro%u00dfe Anzahl von Landschaften und die erkennbare Leidenschaftlichkeit ihrer Ausf%u00fchrung k%u00f6nntenKirchner, bei fl%u00fcchtiger Betrachtung, vor allem als Landschaftsmaler ausweisen. Seine kreative Vielseitigkeitaber widerlegt schon an sich jede einengende Zuordnung. Die Vehemenz der Inspiration und ihrer k%u00fcnstlerischen Umsetzung geschieht geradezu eruptiv und l%u00e4sst dem K%u00fcnstler kaum eine andere Wahl als diek%u00fcnstlerische Ausf%u00fchrung des nicht abweisbaren Motivs.Es ist weniger die lukrative Verlockung als ein heftiger Gestaltungsdrang, was ihn unerm%u00fcdlich sein l%u00e4sstund der Landschaftsmalerei ihre markante Stellung im Gesamtwerk zuweist. Kirchners Landschaften sind nicht die Wiedergabe des sch%u00f6nen Moments. Er gestaltet ihn. Eine genauereOrtsangabe ist, von Ausnahmef%u00e4llen abgesehen, unerheblich.Es bedarf nicht der Legitimation des %u00d6rtlichen %u2013 ausgestattet mit einem Tiefenblick f%u00fcr die elementarenVorg%u00e4nge in der Natur unterwirft sich der K%u00fcnstler dem jeweiligen Ereignis. Alles, was geschieht, ist ausgestattet mit einem urs%u00e4chlichen Sinn.Kirchner bevorzugt in der Ausf%u00fchrung seiner Landschaften %u2013 neben dem Aquarell %u2013 das %u00d6l, und es entstehen dabei sowohl Studien und Szenerien froher Poesie wie %u00fcberw%u00e4ltigende Darstellungen der enthemmten Elementargewalt. Er versagt sich nicht dem sch%u00f6nen Ausschnitt (%u201eDer Weg ins Tal%u201c) oderder Farbenpracht des Oktobers (%u201eHerbstwald%u201c). Es sind dann aber doch die ausbrechenden Urkr%u00e4fte(%u201eSturmbewegt%u201c), die Himmel und Erde entflammen oder einfrieren (%u201eBergr%u00fccken%u201c), denen er sich nichtzu entziehen vermag. Es ist die Einsicht unserer Zuweisung im Gegen%u00fcber mit einer Weltordnung vonuniversellem Ausma%u00df, die uns eher unter- als zuordnet.Auch hier scheint Kirchner ohne einen Schub an Monumentalit%u00e4t nicht auszukommen. Er greift %u00fcber denRahmen hinaus (%u201eSpiegelungen%u201c) und verzichtet, konturlos geworden, auf jede einengende Abgrenzung.Was erkennbar bleiben will zersplittert (%u201eBergr%u00fccken) im Sog der Elementargewalten oder schwingt(%u201eSchilf am Teich%u201c) im Winde mit, als w%u00e4re das schon immer ein ureigenes Anliegen des Schw%u00e4cheren gewesen. Denn alles und jedes will seine Rechtfertigung, selbst auf die Gefahr hin, aus dem Boden herausgerissen zu werden als Mahnung oder auch nur aus Versehen? Es ist die vergebliche Auflehnung gegen die Urkraft, die Kirchner inszeniert, weil es nicht sein kann, dass einRohrhalm dem zunehmenden Wind nicht gehorcht. Es muss demnach nicht als ein Mangel an gesellschaftspolitischer Standfestigkeit ausgelegt werden, wenn %u2013 im %u00fcbertragenen Sinn %u2013 das Schilf den Schub weitergibt.