Page 9 - Demo
P. 9
zukommen. Eine kleine R%u00fchrseligkeit, die mit jedem Jahr bedeutsamer zu werden vorgibt.Es war und ist immer zu tun in Montignoso. Das Haus wurde erweitert und auf den eigenen Bedarf zugeschnitten, italienische Nachbarschaften sind zu pflegen und deutsche Besucher zu betreuen, Sturmsch%u00e4den sind zu beheben und der Garten will bew%u00e4ssert werden. Kirchners vielseitige Handfertigkeit wirdlaufend in Anspruch genommen, denn %u2013 f%u00fcr alles und jedes da sein zu m%u00fcssen und zu wollen, gilt ohnehinals eine verb%u00fcrgte donauschw%u00e4bische Eigenart. So verwundert es nicht, dass f%u00fcr die Wahl Montignososzum kirchnerischen Sommerdomizil keineswegs das nahe Seebad Viareggio und auch nicht die phantastischeK%u00fcste der Cinque Terre, sondern schlichtweg die benachbarten Marmorbr%u00fcche bei Carrara entscheidendwaren. Die Werkstatt, um es beim Namen zu nennen und nicht der verlockende Lido. Einer wie WalterAndreas Kirchner zieht nicht weiter, wenn der weltbeste Marmor nebenan gebrochen wird und der ausgesuchte Block im eigenen Garten behauen werden kann. So geh%u00f6ren seine s%u00fcdlichen Sommer in der Toskana nicht der Erholung, sondern dem harten Ringen mit dem Stein. Jeder Sommer. Es sind die Abende, dieder Familie geh%u00f6ren, den Freunden und den G%u00e4sten, den Nachbarn auch. Das Licht herunter gedreht, denvergangenen Tag noch einmal %u00fcberdacht, den kommenden im Sinn.Hiobs FrageDas Vollendete, das Abgeschlossene, das Fertige,so endg%u00fcltig und unwiderruflich %u2013 f%u00fcrchterlich!W.A. KirchnerHolz, Bronze, Granit, Sandstein, Keramik, Aluminium, Kunststein %u2013 es w%u00e4re nicht Kirchner, h%u00e4tte er nichtalles erprobt. Es ist eher das Suchen nach sich selbst als nach dem geeigneten Material, was ihn herausfordert mit Ungest%u00fcm %u2013 die Auslotung des Willens und der Handwerklichkeit. Immer auch der Drang zumMonumentalen. Es ist das Denken im Raum, das dem K%u00fcnstler eine andere Dimension erschlie%u00dft, ihmden Schritt %u00fcber die Abgrenzung des Rahmens hinaus zumutet, auf Pl%u00e4tze und in G%u00e4rten, schm%u00fcckendund erinnernd, mahnend. Denn auch manches aus Erz und Stein hat, wie wir wissen, neben seiner Zeitauch seine Ewigkeit. Eins dient dem Triumph, ein anderes dem Untergang. Wer durchs Land reist unddar%u00fcber hinaus, sieht die ehernen Helden mit erhobenem Schwert auf freien H%u00f6hen stehen oder, auf Sarkophagen erstarrt, die gro%u00dfen Dome zieren. Es fehlen nicht die vielen Heiligen auf S%u00e4ulen, Br%u00fcckenund in Grotten, und sowohl Eulenspiegel wie St%u00f6rtebeker stehen unbeschadet auf der deutschen wie auchder kontinentalen Denkmalliste.Kirchner mag sich selbst nicht vorrangig als Bildhauer verstehen. Zu umfassend ist sein malerisches Werk,um es nicht gleichrangig neben seinen plastischen Arbeiten einzuordnen. Es mag indessen das Elementaresein, die Umformung des Steins in eine neue Unverg%u00e4nglichkeit, was den Bildhauer in ihm herausfordert %u2013die Versetzung eines materiellen Urstoffes in eine neue Gegenw%u00e4rtigkeit. Es ist ein weiter Weg aus demSteinbruch in der Toskana bis in Kirchners Pforzheimer Garten, in dem viele seiner Bildwerke zu sehensind, ehe sie ihren Weg hinausfinden in die gr%u00f6%u00dfere %u00d6ffentlichkeit. Neben Auftragsarbeiten sind es derMythologie entlehnte Motive wie %u201ePrometheus%u201c und %u201eHiob%u201c, die ins Auge fallen, dazu B%u00fcsten von ErnstJ%u00fcnger und dem Banater Heimatschriftsteller Adam M%u00fcller-Guttenbrunn %u2013 vornehmlich aus wei%u00dfem Carrara-Marmor geschlagen, ruhend oder bewegt, Gestalt und Chim%u00e4re, Erde und Zwischenwelt.