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                                    unter Berufung auf alte Redensarten, Sprichw%u00f6rter und Bauernregeln %u2013 geradezu widersprechen, so geschahdas getragen von einer verinnerlichten gesellschaftlichen Zugeh%u00f6rigkeit.Was von der alles bestimmenden Partei als politisch %u00fcberholt abgewertet wurde, feierte in diesen rustikalenHolzschnitten fr%u00f6hliche Urst%u00e4nde. Kirchner illustriert die alte Volksweisheit %u201eKummt'r uf's Ross, dr Bettlmann, reit'r %u00e4rger wie dr Edlmann%u201c und charakterisiert so die Arroganz des Empork%u00f6mmlings in einer Zeit,in der die Auslese der neuen Elite weniger nach der F%u00e4higkeit als nach der bedingungslosen Ergebenheitvorgenommen worden ist. Seine Illustration des Sprichworts %u201eWu nix is, geht aa nix verlor%u201c aber sp%u00f6ttelt%u00fcber die Umkehr der Eigentumsverh%u00e4ltnisse nach der Agrarreform, die einen empfindlichen R%u00fcckgangder Hektarertr%u00e4ge und damit verbunden eine Unterversorgung der Bev%u00f6lkerung zur Folge hatte. Es wardie innere Auflehnung des jungen Kirchner gegen den gesellschaftspolitischen Terror im Rum%u00e4nien derNachkriegsjahre, dem sich vorweg die mit dem Makel der Kollektivschuld belastete deutsche Minderheitausgesetzt sah. Kirchners Illustrationen zu den schw%u00e4bischen Sprichw%u00f6rtern und Redensarten sind eine innere Auflehnung gegen die verordnete politische und wirtschaftliche Umgestaltung der Gesellschaft, alsderen unmittelbares Opfer sich die Banater Deutschen nach erfolgter Deportation und Enteignung vorkom,men mussten. Dieser, wenn auch zeitweilige, gesellschaftliche Ausschluss f%u00fchrte nicht nur bei dem jungenKirchner zur verst%u00e4rkten R%u00fcckbesinnung auf %u00fcberkommene und gerade noch geduldete Eigenheiten, in dieman sich einzukapseln verstand, in der tr%u00fcgerischen Hoffnung auf eine Wende, die allerdings auf sich warten lie%u00df und so den nahezu geschlossenen Auszug der deutschen Minderheit aus dem Banat und aus Sieben,b%u00fcrgen ausl%u00f6ste.1981, nach langen und harten Wartejahren, gelang der Familie Kirchner die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland, und im gleichen Jahr schon stellte der K%u00fcnstler in Pforzheim, Leonberg, TrabenTrarbach, Weilburg, Sindelfingen, Bonn-Oberwinter und auf der Triennale Internationale de SculptureBordeaux aus, die ihm einen Preis zuerkannte, wie wenig sp%u00e4ter auch der Pariser Internationale Salon f%u00fcrzeitgen%u00f6ssische Kunst. Es kam einem Vollstart in die westliche Kunstszene gleich, dem impulsiv agierenden K%u00fcnstler angemessen, der allerdings sein Brot zun%u00e4chst an der Volkshochschule verdienen musste.Das versprach nicht sehr viel, aber es warf auch nicht aus der Spur. Und was w%u00e4re die Freiheit sonst, alseine M%u00f6glichkeit zur Ver%u00e4nderung?Lag nicht Italien vor der T%u00fcr? Es konnte f%u00fcr Kirchner keine Frage sein, wie wichtig Italien ist. Nicht alsReiseziel, sondern um es in sich aufzunehmen als Ganzes und mehr heimzubringen als Fotos von einerKlippe oder einem schiefen Turm, mehr als Chianti mit dolce vita. Es kam darauf an, Goethes selbsternannter ferner Vetter zu sein auf einer nicht nachgestellten Reise in ein nachhallendes Arkadien. Ein vermessener Traum? Nein, so war es keineswegs. Im toskanischen Camaiore hatte sich schon Jahre vorherder Sch%u00e4%u00dfburger Dieter Schlesak niedergelassen f%u00fcr immer, und Gregor von Rezzori, der feine Herr ausCzernowitz, war heimgekehrt in sein Anwesen bei Arezzo. Es war allerdings, wie in anderen aufz%u00e4hlbarenF%u00e4llen, nicht ganz das Gleiche. Es ging dem Bildhauer Kirchner auf der Suche nach einem italienischenStandort weniger um dessen %u00f6rtlichen Reiz als um eine damit verbundene kreativ umsetzbare Zweckm%u00e4%u00dfigkeit. Er entschied sich f%u00fcr das eher unscheinbare Montignoso, das, eingeklemmt zwischen K%u00fcste undBerg, gerade mal die Autobahn durchl%u00e4sst und ohne Auff%u00e4lligkeit mit sich selbst zufrieden ist. Der Weg zuKirchners erworbener Hofstelle schl%u00e4ngelt sich wie nirgendwohin bergw%u00e4rts. Vom Hof aus dann der Blickauf einen Zipfel Mittelmeer, aus dem abends ein Leuchtfeuer aufblitzt. Der Gartenterrasse vorgesetzt einOlivenbaum, in gemeinsamen Sommertagen von Freunden gepflanzt. Es geht ihm gut, und Kirchner l%u00e4sstden inzwischen gealterten Freunden gelegentlich ein Glas eingelegter Oliven von %u201eunserem Baum%u201c 
                                
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